Donnerstag, 16. April 2015

Der Himmel weint

Von Biarritz nordwärts ist die Küstenlinie flach. Anhäufungen von Dünensand bilden hier und da Hügel. Sie stören beim Fahren nicht, eher bieten sie eine Abwechslung wenn man eintönig strampelt.

Es ist mein letzter richtiger Tourentag. Knapp 70 km liegen vor mir. Eine flache Strecke. Die Düne von Pyla verabschiedet mich mit einem beeindruckenden Anblick.
 Leider ist das Licht in den Wolken hängen geblieben und so wirken ihre Flanken platt. In der Nach fielen Regentropfen. Ich  bekam schon Schiss, weil ich lieber ein trockenes Zelt einpacke. Letztlich war es nicht so schlimm. Meine Stimmung hat sich dem trüben Wetter angepasst.

Es ging ein letzten Mal durch Pinienwälder, die heute nicht so verschwenderisch mit ihren Blütenpollen waren. Zwischendurch gab es immer wieder Regentropfen. Zu wenig, um die Regenjacke raus zu holen. In Teste musste ich den Weg zur D 1250 suchen. Bei Biganos fand ich die Straße, die sich fast schnurgerade bis nach Bordeaux zieht. Sie ist gut befahren, Teilweise gibt es Radwege.

Wehmut stellt sich ein. Eine spannende und schöne Tour findet ihren Schluss. Wehmut auch, weil die Herausforderung bald fehlen wird. Aber wie immer gibt es bestimmt Neue. Die schönen und beeindruckenden Landschaftserlebnisse  und die Begegnung mit Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe aber mit denen ich mich trotzdem austauschen konnte werden ich vermissen. Aber auch das ist nicht so schlimm, es kommt oft genug vor, dass man sich unterhält und trotzdem nicht versteht.

Es ist auch Abschied vom Schreiben und damit von der Auseinandersetzung mit dem Eigenen. Ich hatte daran viel Freude. Manche Stunde wurde  mir dadurch kurzweilig.

In Marcheprime war es wohl, wo deutlich eine Kirche im Ort stand. Nicht so alt, nicht so schön aber sie hatte etwas. Ihre Tür stand offen und ich war neugierig, wie sie innen aussehen würde. Kaum war ich in ihre schummerige Halle eingetreten, hörte ich die Stimmen der feinen Orgeltöne, vielleicht auch ein anderes Instrument. Dazu erklangen Männerstimmen, die einen Choral(?) zur Musik sangen. Melancholisch, fast schwermütig erfüllte die Musik die Kirche. Ich setzte mich
und lauschte. Die Musik war wie zum Abschied bestellt. Ich konnte nicht verhindern, dass ich von ihr ergriffen wurde. Trauer senkte sich über mich und wie beim Himmel heute, rollten mir auch ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Es hängt mit dem Abschied zusammen aber auch mit dem, was ich "Resterampe" nenne. Dort verbirgt man die Ladenhüter seiner Vergangenheit, die Verletzungen, Kränkungen, die Trauer und all die "schönen Dinge", die niemand gerne haben möchte. In Momenten der Stille werden diese Gefühle z.B. durch Musik angeregt und bringen sich in Erinnerung. Sie lösen sich dann ein wenig und ich weiß, sie schaden nicht.

Beim Mittagsmahl hatte ich Besuch von einem Frosch (?). Er saß auf einem Blatt und war kaum zu
erkennen. Er rührte sich nicht vom Fleck und so konnten wir uns höflich von einander verabschieden.

So ein Straßenrennen auf einer geraden Strecke ist gut für's Vorankommen. Man achtet nicht so sehr auf die Gegend. Langgezogene Dörfer, Werkstätten, Koppeln auf den Pferde stehen, mal ein Stück Wald. Ich war schnell am Flughafen bei Bordeaux. Leider gab es keinen Schalter von Brüssel Air und so konnte ich mein Ticket nicht um den Radtransport erweitern. Also weiter ins Hotel. Für vier Tage habe ich ein geräumiges Zimmer mit Kochnische.

Gefahren: 71,41 km, Dauer: 4:10 h,  Unterwegs:6:57 h,   Gesamt: 1527,37 km (2045,10 km)

...Radwege...



Zum Zentrum fahre ich mit dem Rad ca. 20 Min. Beim Baumarkt, 10 Min. entfernt, habe ich bereits das Verpackungsmaterial für mein allerliebstes Bike gekauft. Jetzt kann ich mir Bordeaux in Ruhe anschauen. Die Kochplatten funktionieren und so konnte ich ein schönes Huhn-Ingwer-Gemüsegericht mit ein paar Tropfen Rotwein "runterspülen".


3 Kommentare:

  1. Lieber Rüdiger -
    ich war richtiggehend bewegt beim Lesen deines Textes.
    Und ich kann gut verstehen, dass jetzt auch ein bisschen Wehmut und sogar ein bisschen mehr an Trauer kommt, weil deine Tour so langsam zu Ende geht. Aber du hast so viel angesammelt für dich - all die tollen Landschaftserlebnisse, die zahlreichen, wunderbaren und manchmal auch komischen Begegnungen mit Menschen, auch wenn du ihre Sprache nicht sprechen konntest.

    Sehr intensiv ist auch deine Beschreibung, was du in der Kirche erlebtest.
    Lass es dir weiter so gut gehen und komm gut zurück ...

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Rüdiger!
    Eigentlich wollte ich schon heute früh schreiben und nun hast du deine "letzte" Tour schon hinter dich gebracht.
    Ich glaube, nicht nur dir wird etwas fehlen. Deine fast täglichen Berichte gehörten für mich bzw
    uns zum Tagesprogramm. Den ersten Blick ins Smartphone, gleich nach dem Abendessen, manchmal auch schon vorher, um Neues von dir zu lesen. Es hat Spass gemacht, dich begleiten zu dürfen.

    Anfänglich hatte ich ganz schoene Zweifel, wie du dir so eine Tour "aufladen" kannst. Obwohl du bereits Erfahrungen mit so weiten Touren hattest, viel es mir schwer, deinem Vorhaben etwas abzugewinnen.
    Jetzt, nach deinen vielen Berichten mit den schoenen Fotos von Menschen, Landschaften, dem Atlantik u.v.m. ist es mir möglich geworden, deinen "Antrieb" nach zu vollziehen.
    Ich danke dir für den Einblick in deine Empfindungen fuer die Schoenheiten von Mensch und Natur in den vielen
    Wochen deiner Reise.
    Geruehrt hat mich dein Aufenthalt in der Kirche, die Musik, die "Ruhe", was dich bewegt hat. Ich habe Aehnliches vor einigen Jahren in einer hollaendisschen Kirche erlebt.
    Ich wuensche dir spannende Festtage, mach endlich Urlaub und lass es dir gut gehen. Herzl. Gruesse Helga

    AntwortenLöschen
  3. Kleine Korrektur: ich meinte natürlich Resttage. Und wenn Festtage daraus werden, ist es auch o.k.

    AntwortenLöschen